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„Ich bin gerade in der Strassenbahn und du?“ Das Telefon, das nichts mehr sagt.


So oder so ähnlich, lassen sich einige Telefongespräche bei einem gemütlichen Bummel durch die Stadt und in öffentlichen Verkehrsmitteln unfreiwillig mithören. Manch einer ist davon genervt, während andere sich schon selbst nicht mehr reden hören.

Welcher Informationsgehalt nun auch immer darin steckt. Ob es für den einen wichtig ist, einer anderen Person mitzuteilen, dass er sich seinem gegenwärtigen Aufenthaltsort bewusst ist, oder für den anderen, eine nicht verifizierbare Aussage zu hören, sei an dieser Stelle nicht näher zu betrachten. Gewiss ist, dass zur Kommunikation und zum Austausch von Informationen mindestens zwei Personen gehören.

Ja, und eben da liegt auch der Hase begraben. Mindestens zwei – aber dass eine ganze Straßenzeile voller Passanten, oder eine mit Passagieren bis zum Anschlag gefüllte Straßenbahn auch davon Kenntnis haben muss, lässt berechtigte Zweifel aufkommen.

Nach diesem polemischen Einstieg können Fürs und Widers unseres Kommunikationsverhaltens auf ebenso polemische Weise erörtert werden. Um es abzukürzen, beschränken wir uns auf die sachlichen Aspekte der menschlichen Sprechakte.

Ein theoretisches Modell der Kommunikationswissenschaft beschreibt die Kommunikation als Prozess der Informationsübertragung mittels eines Senders und eines Empfängers. Die eine Seite formuliert (kodiert) eine Information und sendet diese über einen Kommunikationsträger. Auf dem Weg zum Empfänger durchläuft die Information einen Filter, um am anderen Ende nun verstanden (dekodiert) zu werden.

Der einfache Satz "Ich bin gerade in der Straßenbahn und du?" ist formal gesehen eine Aussage und eine Frage. Für die Kommunikationsforschung ist nicht nur technologisch interessant, wie diese Botschaft den physikalischen Ort wechselt, sondern ebenfalls von Wichtigkeit, ob die Transmission der Information auch alle Stationen des oben beschriebenen Modells durchläuft.

Geschieht dies nicht, sollte das Modell auf seine Prämissen hin überprüft werden. In diesem Fall ist eine Modifikation des Kommunikationsmodells notwendig. Ganz unabhängig davon, ob der Anspruch einer vollständigen Abbildung des Kommunikationsprozesses gelingt, besteht das Faktum, dass Kommunikation weiterhin stattfindet.

Klingelt da nicht gerade ihr Handy?

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Die Qualität von Kommunikation lässt sich wissenschaftlich nur bedingt erforschen. Die Maxime in der "Kürze liegt die Würze" ist darüber hinaus nicht immer anwendbar. Informationen die "stark kodiert" und knapp gehalten sind, enthalten in der Dekodierung eine hohe Fehlerrate, wenn der Kontext nicht explizit angegeben ist. Den Kontext bei kommunikativen Prozessen als gegeben vorauszusetzen, ist nicht die förderlichste Methode Informationen auszutauschen. Vielmehr ist eine aus dem Kontext gerissene Information ohne eine weitere Angabe, nicht optimal verwertbar.

"Ich bin gerade in der Straßenbahn" ist so eine Information die ziemlich trivial scheint. Dieser Satz sagt auf den zweiten blick aber noch mehr aus. Die eigene Existenz wird wahrgenommen und von anderen Individuen unterschieden. Das Fortbewegungsmittel wird identifiziert und die topologische Position der eigenen Person ebenfalls in Relation zum Vehikel gesetzt. Der gebrauch von einem komplex hergestellten Kommunikationsgerät, welches mit Hilfe von verschiedenen Stationen die Funksignale empfängt und sendet und dabei Schallsignale in elektrische und wieder zurück wandelt, ist dabei nur bei genauer Kenntnis des Kommunikationsprozesses eine überraschende Tatsache.

Ob alle stufen der Hermeneutik, der lehre des interpretativen Verstehens, bei dem Satz "Ich bin gerade in der Straßenbahn" Anwendung finden oder finden müssen, bleibt ebenso wie das Phänomen lauter zu sprechen, wenn man selber nicht gut hört, eine philosophische Frage, der wir uns nicht weiter widmen wollen.

Polemische Philosophie


Philosophische Dimension bekommt aber auch die Beobachtung einer Person, die mit einem kleinen Plastikstück am Ohr mit einem Gesprächspartner (für andere jedoch nicht sichtbar) redet. In dieser Situation ist, aus psychologischer perspektive, der eigene Wunsch, mit einer anderen Person zu kommunizieren, gesteigert. Die Wahl liegt dann zwischen einer real existierenden Person oder einem Anruf mit eigenem Handy und auf ähnlich abstraktem weg. Die Frage, warum der telefonierende die Präsenz einer anderen Person jenseits der Leitung voraussetzt, sprengt schließlich jede Vernunft. Hieran lässt sich ohne weiteres die eigentliche Skurrilität des Telefonierens, Radio- und Musik Hörens anschließen. Für die moderne Kommunikation jedenfalls ein interessantes bis unlösbares Paradoxon.

Mit welcher Motivation ein Kommunikationsprozess eingeleitet wird, lässt sich unter anderem auch durch unsere gesellschaftliche Ordnung verstehen, sowie anhand unseres eigenen Verhaltens und der in der Gesellschaft etablierten Verhaltensregeln. Sozialwissenschaftlich betrachtet, spiegelt jede Form der Kommunikation unsere Gesellschaft als komplexes System wieder.

In den seltensten Fällen der Telekommunikation geht es ausschließlich um Informationsübertragung, sondern um den Wunsch der gesellschaftlichen Nähe.

Wer das noch nicht wusste, möge mal einen netten Brief an seine lieben schreiben. (…äh E-Mail natürlich.)

Floskelfassade


Interessant ist die die Verwendung von Floskeln, jene Äußerung von Satzteilen, die isoliert wenig Sinn ergeben. Oft werden diese vom Sender selber nicht verstanden und erhalten schließlich nur dadurch Legitimation, dass eine Gegenfloskel eben auf die gleiche Weise erbracht wird und ein psychologisches Phänomen in Erscheinung tritt, welches Gewohnheit genannt wird. Eine im weiteren Sinn determinierte Kommunikation nimmt ihren Lauf. Was dann stattfindet, ist lediglich ein Schlagabtausch von gelernten Formeln. Eine intime bis vertrauliche Unterhaltung bleibt einem immer weiter aufgeschobenen Zeitpunkt vorbehalten. So rückt das in die Ferne, was gegenwärtig praktiziert werden könnte. Als Resultat bleibt eine Zeitverschwendung mit konservierendem Charakter. Das nicht ausgesprochene, bietet die Möglichkeit, noch ausgesprochen werden zu können und erhält einen buddhistischen Tonus in der Tradition des Zen.

Dieses scheinbare Gespräch ist verwunderlich und bietet wenig Fläche als Konversation bezeichnet zu werden. Während sich dieser Gedanke aufdrängt, wird vernachlässigt, dass eine konkrete Handlung – die des Anrufs selber – jede weitere Kommunikation obsolet macht. Und so befinden wir uns inmitten des von John S. Peirce entwickelten Pragmatismus und der ursemitischen Mentalität das nur die Handlung eine Verwertung erlaubt. Der kommunikative Akt selber, wird hierbei in den Hintergrund gestellt.

Eine Entwicklung, die in den Köpfen der Hersteller unserer Kommunikationsutensilien längst Einzug gefunden hat. Eine immer weiter reichende (Multi-) Funktionalität wird geradezu als Maximalprinzip vertreten, ungeachtet dessen, ob es genutzt wird. So haben Untersuchungen in der jüngeren Vergangenheit gezeigt, dass das telefonieren mit dem Handy durch andere Funktionen des eben selben Geräts in den Hintergrund geraten und die schriftsprachliche Informationsübertragung bei mehr als 80% der Nutzer als bevorzugt wird.

Na denn, für die Passanten und Passagiere allemal eine angenehmere Entwicklung. In diesem sinne bis bald ne?
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